Ein wesentlicher Teil von Ich entlaste Städte 2 war eine umfassende Begleitforschung: Zum einen wurden quantitative Daten wie Fahrbewegungen, Distanzen und Kostenparameter mittels GPS-Tracking und dem bewährten DLR MovingLab erfasst. Zum anderen ermöglichten qualitative Interviews und intensive Betreuung der Unternehmen ein tiefes Verständnis der Wirkfaktoren, die über Erfolg oder Misserfolg der Fahrzeugintegration entscheiden.
Mit rund 100.000 gefahrenen Kilometern, 147 dokumentierten Wartungsvorgängen und umfangreichen Erhebungen zu Nutzungsmustern entstand eine einzigartige Datenbasis. Diese ermöglicht es, fundierte Antworten auf die Frage zu geben:
Unter welchen Bedingungen können Lastenräder und LEVs konventionelle Fahrzeuge im gewerblichen Einsatz erfolgreich ersetzen?
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Zentrale Fragen der Begleitforschung
WIE und WARUM werden die Fahrzeuge genutzt? Deshalb haben wir in zwei Richtungen geforscht.
Quantitativ: GPS-gestützte Routen-Aufzeichnung, Kostenerhebungen/-auswertungen
Aufzeichnung der Fahrbewegungen sowie Erhebung von Kostenparametern der Bestandsflotte und Testfahrzeuge.
Qualitativ: Interview-basierte Ermittlung von Wirkfaktoren
Umfassende Beratung und Betreuung der Unternehmen während des Tests. Qualitative Einordnung der Eindrücke in Analyseschema zur Identifizierung wesentlicher Treiber und Hemmnisse der Fuhrparktransformation.
Bewährtes Tool: Das DLR MovingLab
- Digitale Erfassung und Analyse von Mobilitätsverhalten
- Installierte App auf Dienst-Smartphones der Unternehmen oder physische GPS-Logger dienten zum Tracking der Unternehmensflotten
- Anonyme und datenschutzkonforme Datenspeicherung und -verarbeitung zu Forschungszwecken
Diese Fahrzeugdaten wurden erfasst
- Gemeinsam mit Betrieben individuelle Identifizierung einer Referenzflotte und Referenzgebiet sowie erbrachter Leistung
- Tracking der konventionellen Fahrzeuge und Testfahrzeuge über den gesamten Testzeitraum (in einem oder auch verschiedenen Einsatzfeldern)
- Rund 100.000 km Fahrleistung der 45 Testfahrzeuge
- Ziel: Erhebung der relevanten verkehrlichen Parameter für die Wirkungsevaluation und Ermittlung möglicher Nutzungsveränderungen
Das sind die Fahrzeuge gefahren
Tägliche Fahrleistung (km)
- Long John (n=19): 13 km
- LEV (n=8): 12 km
- Schwerlastrad (n=19): 13 km
Anteil Wochen im Einsatz (%)
- Long John: 44 %
- LEV: 60 %
- Schwerlastrad: 53 %
Einsatztage
- Long John: 1.345
- LEV: 1.468
- Schwerlastrad: 2.642
Erkenntnisse
- Schwerlasträder waren häufiger im Einsatz
- Durchschnittlich waren etwa alle in der Hälfte der Wochen im Einsatz
- Long Johns haben die größte Varianz bei der Fahrleistung pro Einsatztag
Metriken nach Branche
Einsatztage
- Öffentliche Organisationen (n=6): 261
- Handwerk (n=13): 655
- Dienstleistung (n=10): 1.344
- Logistik (n=10): 2.946
Anteil Wochen im Einsatz (%)
- Öffentliche Organisationen: 26 %
- Handwerk: 46 %
- Dienstleistung: 41 %
- Logistik: 74 %
Tägliche Fahrleistung (km)
- Öffentliche Organisationen: 4 km
- Handwerk: 9 km
- Dienstleistung: 5 km
- Logistik: 18 km
Erkenntnisse
- Die meisten Einsatztage stammen von Logistikern
- Die höchste mittlere Tagesfahrleistung bei Logistikern
- Logistiker sind wesentlich häufiger unterwegs, Handwerk und Dienstleistung auf ähnlichem Niveau
Verkehrsverlagerung: Drei Viertel der Fahrten wären mit Verbrennern durchgeführt worden
Verlagerte Fahrleistung
- Motorrad: 1 %
- Pkw: 45 %
- Leichtes Nutzfahrzeug: 33 %
- Fahrrad, ÖPNV, Sonstiges: 18 %
- Induziert: 9 % - das sind zusätzliche Fahrten
Erkenntnisse
- Der Großteil der Fahrleistung der Projektfahrzeuge (etwa 73 %) wäre ohne diese mit verbrennungsmotorischen Fahrzeugen durchgeführt worden
- Etwa jeder 10. Kilometer war eine mit dem Lastenrad/LEV induzierte Fahrt
Aktionsradius: Nahbereich
Die Verteilung der Distanzen zum Hauptstandort von Lastenrädern/LEVs zeigt:
- ~50% der Fahrten finden in einem Radius von 0-3 km statt
- ~75% der Fahrten finden in einem Radius von 0-6 km statt
Typisierbare Muster: Handwerk und Dienstleistung
Nutzungstypen
- Dienstleister mit standardisierter Tätigkeit und homogenen Tourenmuster
- Erfolgreiche Handwerker mit begrenzten Distanzen bei stetiger Nutzung
Zwei Verläufe
- „Durchstarter" – initial passende Rahmenbedingungen
- „Aufsteiger" - schrittweise Etablierung
Beide Verläufe können zu einer guten Verstetigung führen!
Auswirkungen von (Schock-) Ereignissen
Ereignisse und organisatorische Bewältigung
1. Schaden am Hinterrad durch hohe Lasten → Austausch des Fahrzeugs
2. Mitarbeiter kündigte → Nichtnutzung, später Wiederbesetzung
3. Fahrzeug schafft steile Rampe nicht → Austausch des Fahrzeugs
4. Speichenbruch am Fahrzeug → Nutzung nach Reparatur wieder möglich
5. LEV mit eingeschränkter Flexibilität und Reichweite → Nutzung eingestellt, für Einsatz nicht geeignet
6. Hinterradschaden → Nichtnutzung wegen fehlendem Wartungsnetz, danach erfolgreiche Weiternutzung
7. Schaden am Öl- und Antriebssystem → Nutzung nach Reparatur wieder möglich
Intensive Nutzung ist kein Garant für Verstetigung
Es gibt Beispiele im Test, bei denen eine intensive Nutzung nicht zur Verstetigung führte. Das Einsatzszenario war für das Fahrzeuge zu ambitioniert bzw. die Anschaffungskosten zu hoch.
Im Gegensatz können auch niedrige Fahrleistungen und gelegentliche Nutzungen können für Unternehmen sinnvoll sein.
Zum Projektende haben 20 von 42 Unternehmen nach Testende den Einsatz mit Lastenräder / LEV verstetigt
Die ermittelten Wirkfaktoren: 5 Gruppen
Organisationales Verhalten
- O1 Akzeptanz, Motivation und Vorerfahrungen der Mitarbeitenden
- O2 Einstellung der Führungsebene und Veränderungsbereitschaft
- O3 Unterstützende Rollen im Betrieb (bspw. Kümmerer)
- O4 Beitrag zu Umweltzielen und Image
Fahrzeugbezogene Faktoren
- F1 Bedienkomfort und Ergonomie, Wetterschutz
- F2 Eignung des Fahrzeugs (Reichweite, Zuladung, Volumen)
- F3 Haltbarkeit und Wartungsbedarf der Komponenten
- F4 Anschaffungskosten und Finanzierung
Betriebliche Implementierung
- BI1 Strategische Intention (z. B. neues Geschäftsmodell, Personalbedarf, Führerscheinfreiheit)
- BI2 Organisatorischer Einführungsaufwand (Schulungen, Zuweisung Fahrzeug, Sichtbarkeit)
- BI3 Wirtschaftlichkeit der Nutzung
Infrastruktur und Nutzungsmuster
- IN1 Ladeinfrastruktur und Abstellmöglichkeiten
- IN2 Strecken- und Infrastrukturbedingungen
- IN3 Saisonale Schwankungen und Auftragslage
- IN4 Einsatzszenarien, Tourenstruktur und Nutzungsmuster
- IN5 Servicenetzwerk
Externer Rahmen und Umwelt
- E1 Regulatorische Rahmenbedingungen (u.a. Förderprogramme)
- E2 Gesamtwirtschaftliche Lage
- E3 Kundenanforderungen
- E4 Witterung
Welche Wirkfaktoren wirken wo und wie auf Verstetigung?
Organisationales Verhalten
- Mitarbeitenden-Akzeptanz in der Logistik vorhanden, bei Dienstleistern eher weniger
- Veränderungsbereitschaft bei Bedarfsnutzern geringer ausgeprägt
Fahrzeugbezogene Faktoren
- Haltbarkeit der Fahrzeuge bzw. Komponenten für die Logistik / KEP eher unzureichend
- Anschaffungskosten stellen Kleinstunternehmen vor besondere Herausforderungen
Betriebliche Implementierung
- Organ. Einführungsaufwand in der Logistik eher reibungslos, bei öffentlichen Organisationen dagegen herausfordernd
- Bewertung der wirtschaftlichen Nutzung bei hoher Nutzung eher positiv
Infrastruktur und Nutzungsmuster
- Passung der Einsatzszenarien bei KEP positiv wirkend, bei Bedarfsnutzern negativ
- Infrastruktur und Einsatzszenarien im ländlichen Raum häufig unzureichend
Externer Rahmen und Umwelt
- Witterung wirkt besonders bei Bedarfsnutzern negativ auf Verstetigung
- Vorhandene Kundenstruktur im urbanen Raum wirkt fördernd
→ Insgesamt zeigen 13 von 20 Wirkfaktoren statistisch signifikante Unterschiede zwischen den Gruppen „Verstetiger" und „Abkehrer".
Verstetiger haben Gemeinsamkeiten
Kennzeichen erfolgreicher Test-Unternehmen „Verstetiger"
Treiber:
- Strategische Intention: Commitment durch Führungsebene! Wissen zu Transportbedarfen und passende Usecases liegen vor
- Einsatzszenarien: Extrem wichtig!
- Mitarbeitenden-Akzeptanz
Hemmnisse:
- Fahrzeugkomponenten: Robustheit ist extrem wichtig
- Anschaffungskosten: Monatliche Raten sind besser „verdaulich"
Bei solchen Unternehmen klappte es nicht „Abkehrer"
Treiber:
- Image, Umweltziele: Keine Begeisterung für Nachhaltigkeit? Keine anhaltende Begeisterung für Lastenräder
- Strategische Intention: Personalbedarf und passendes Einsatzszenario führen nicht automatisch zu Erfolg
Hemmnisse:
- Mitarbeitenden-Akzeptanz: Mitarbeitende verweigern sich? Scheitern vorprogrammiert
- Einsatzszenarien: Ohne konkretes Einsatzprofil verstaubt das Fahrzeug
- Fahrzeugeignung: Reichweite / Zuladung / Volumen müssen passen
"Was kostet mich ein Lastenrad?"
- Wirtschaftlichkeit ist wesentliche Entscheidungsgröße für Flottenumgestaltung, aber große Range bei Anschaffungskosten und Unsicherheiten bzgl. Halte- und Lebensdauer
- Schaffung einer Datengrundlagen für eine TCO-Berechnung:
- Erhobene Parameter: u.a. Versicherung, Wartung & Reparatur, Energie, Art der Fahrzeugbeschaffung
- 110 erhobene Datenpunkte von Bestandsfahrzeugen (Fragebögen & Betriebsdaten) sowie
- 147 App-basiert erhobene Wartungs- und Reparaturvorgänge von 44 Projektfahrzeugen
Wartungs- und Reparaturkosten pro Jahr (Median)
- Long John: 245 € (Anzahl Fahrzeuge: 26, Median Jahres-Fhrl.: 540 km)
- Schwerlastrad: 278 € (Anzahl Fahrzeuge: 10, Median Jahres-Fhrl.: 1100 km)
- Logistik: 286 € (Anzahl Fahrzeuge: 9, Median Jahres-Fhrl.: 1600 km)
- Nicht-Logistik: 240 € (Anzahl Fahrzeuge: 27, Median Jahres-Fhrl.: 540 km)
Wartungs- und Reparaturkosten pro Jahr bei Schwerlastenräder höher. In der Logistik ist ebenfalls mit höheren Kosten zu rechnen. Insgesamt häufig zwischen 10-20 Cent/km.
Fazit
Die Begleitforschung zu Ich entlaste Städte 2 liefert klare Erkenntnisse:
Lastenräder und leichte Elektrofahrzeuge können für Unternehmen eine echte Alternative zu konventionellen Fahrzeugen sein – 73 % der Fahrleistung im Test hätte sonst mit Verbrennern stattgefunden. Doch der Erfolg hängt von konkreten Rahmenbedingungen ab.
Die Erfolgsfaktoren auf einen Blick
Strategische Vorbereitung ist entscheidend: Unternehmen, die erfolgreich auf Lastenräder umsteigen, haben klare Einsatzszenarien definiert und das Commitment der Führungsebene. Die Akzeptanz der Mitarbeitenden ist dabei ebenso wichtig wie die technische Eignung der Fahrzeuge.
Bei manchen Branchen ist es einfacher: Logistiker nutzen die Fahrzeuge am intensivsten (74% der Wochen im Einsatz, 18 km täglich) und erzielen die höchste Verstetigung. Im Handwerk und bei Dienstleistungen sind die Einsatzmuster heterogener, aber auch hier gibt es erfolgreiche Anwendungsfälle.
Was bedeutet das für die Praxis?
Fast die Hälfte der Testunternehmen (20 von 42) hat die Lastenrad-Nutzung nach Projektende verstetigt – ein beachtlicher Erfolg.
Die Forschung zeigt aber auch: Ohne passendes Einsatzszenario, ohne Mitarbeitenden-Akzeptanz und ohne die richtige Fahrzeugwahl ist ein Scheitern vorprogrammiert.
Die gute Nachricht: Mit den nun vorliegenden Daten können Unternehmen fundierter entscheiden, ob und welche Lastenräder für sie geeignet sind. Die Verkehrswende im Gewerbeverkehr ist möglich und kann finanziell für die Betriebe attraktiv sein, sie erfordert aber eine sorgfältige Planung und realistische Erwartungen. Besonders im urbanen Nahbereich liegt enormes Potenzial.