Meist zählt nicht die Branche, sondern das Fahrprofil.
In welchem Fahrprofil finden Sie sich mit Ihrem Unternehmen wieder? Wir zeigen Ihnen, was Sie beachten sollten, wenn Sie über die Einflottung von Lastenrädern und Leichtelektrofahrzeugen nachdenken.
Haben Sie ein KEP-Fahrprofil?
Liefern Sie fremde Fracht an stets unterschiedliche Adressen aus? Diese routinisierte Nutzung mit sehr hohen täglichen Fahrleistung und zahlreichen Stopps ist speziell: Das Fahrzeug ist zentrales Arbeitsmittel standardisierter Logistikprozesse. Effizienz und Zuverlässigkeit sind sehr wichtig, weswegen besonders großes Augenmerk auf der Wahl robuster Fahrzeuge liegen sollte – für die es vor Ort kompetenten Service gibt, damit die Fahrzeuge täglich in gutem Zustand genutzt werden können. Wählen Sie Fahrzeuge, die groß genug sind und sich für das Nutzungsprofil eignen, inklusive der Akzeptanz durch die Mitarbeitenden. Ein Beispiel aus dem Test ist Fulmo.
Tipp aus der Praxis: Ein „Kümmerer“ im Unternehmen, also eine fürs Projektmanagement verantwortliche Person, trägt in der KEP-Branche stark zum Gelingen bei.
Betreiben Sie Eigen-Logistik?
Transportieren Sie selbst produzierte Güter, Ihre Handelsware oder nutzen Sie das Fahrzeug für den Gütereinkauf? Dann ist Ihre Nutzung ähnlich zur KEP-Branche, aber womöglich nicht zwingend an allen Wochentagen und weniger eng getaktet. Unternehmen, für die Logistik nicht das Kerngeschäft ist, sollten sehr stark Transportbedarf, Fahrzeugeignung (Stichwort Zuladung) und Tourenplanung bedenken. Zum Problem kann es werden, wenn aktuelle Touren eins zu eins auf Lastenräder übertragen werden, dabei aber Fahrende und Fahrzeuge überlastetet werden. Die frühzeitige Einbindung der Mitarbeitenden ist wichtig. Ein Beispiel für den Einsatz eines LEV ist REWE Leisnig.
Tipp aus der Praxis: Testen Sie im Live-Betrieb, wie sich Fahrzeuge mit der angedachten Fracht fahren.
Sind Sie Dienstleister mit Servicefahrten?
Charakteristik: Eine Fachkraft fährt zu stets ähnlichen Aufträgen bzw. Terminen, für die eine konstante Menge an Material, Werkzeug o.ä. benötigt wird. Die tägliche Fahrleistung ist hoch; aufgrund vieler Stopps ist mit dem Lastenrad eine Zeitersparnis durch weniger Parkplatzsuche und Fußwege sehr interessant. Wenn Ihre Standard-Ausrüstung in ein Lastenrad passt, haben Sie ein sehr gutes und kosteneffizientes Nutzungsprofil. Versuchen Sie in jedem Fall, aktuelle Aufträge so zu strukturieren, dass Sie Lastenrad & Co. standardisierte Aufträge zuweisen können. Da das Transportvolumen planbar ist, ist es leichter, passende Fahrzeuge zu finden. Ein Beispiel aus dem Test ist Castillo, die per Lastenrad u.a. Fahrten zu Wasserzählertauschaufträgen erledigen.
Tipp aus der Praxis: Binden Sie die Mitarbeitenden sehr früh ein; identifizieren Sie auch die Rad-Fans in Ihrem Unternehmen. Ein Umstieg von anderen Fahrzeugen auf Lastenrad & Co. bedeutet außerdem Veränderung, sowohl beim Fahren als auch in der Bedienung. Achten Sie beim Kauf a) auf die Akzeptanz durch die Mitarbeitenden und b) speziell auf den Bedienkomfort, bspw. von Boxen.
Sind Sie Dienstleister mit Objektfahrten?
Was dieses Einsatzprofil kennzeichnet: Eine Fachkraft fährt zu wiederkehrenden Aufträgen bzw. Terminen an festen Orten, die mit einem längeren Aufenthalt verbunden sind. Der Transportbedarf kann schwanken. Die tägliche Fahrleistung und die Zahl der Stopps ist geringer als bei Servicefahrten. Ein Beispiel ist das Facility Management, mit Aufgaben wie Außenreinigung und Hausmeisterdienst – wie bei 3B.
Tipp aus der Praxis: Bei schwankendem Transportbedarf sollten Sie die Fahrzeuggröße richtig wählen: Wie oft kommt ein „Worst Case“ vor, und muss dieser mit Lastenrad & Co. bewältigt werden? Ein kompakteres Modell kann für manche Szenarien ausreichen. Ähnlich: Werkverkehr, mit dem Beispiel Stadtwerke München.
Fallen Fahrten unplanbar nach Bedarf an?
Dieses Szenario ist anspruchsvoll! Wie viel Werkzeug und Material muss man zum speziellen Termin mitnehmen? Wie groß ist die Entfernung? Wie häufig gibt es solche Fahrten? Werden unsere Mitarbeitenden das neue Fahrzeug nutzen? Diese zahlreichen Unwägbarkeiten erschweren die Fahrzeugwahl. Tipp aus der Praxis: Ein Lastenrad oder LEV eignet sich dennoch, und zwar als Fahrzeug für die geeigneten Fahrten, unter anderem in staugeplagte Innenstädte mit wenig oder teuren Parkmöglichkeiten. Prüfen Sie, welche Fahrten das sein könnten. Das Fahrzeug ist dann kein Allrounder, sondern ein Spezialfahrzeug – entweder als Zusatzfahrzeug in der Flotte oder als Ersatz für ein wenig genutztes anderes Fahrzeug. Hilfreich ist es, wenn sich eine Person für das Lastenrad verantwortlich fühlt und gern damit fährt. Das kann bspw. eine Person ohne Führerschein sein, der das Lastenrad Mobilität ermöglicht. Ein Beispiel hierfür ist EFRA. Sollten solche Lastenrad-geeigneten Fahrten aber nur einmal im Monat auftreten, dann wird es sich nicht lohnen.

Darum sind Nutzungsprofile so wichtig
Einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren für die dauerhafte Nutzung von Lastenrädern und Leichtelektrofahrzeugen in Unternehmen ist das Nutzungsprofil.
- Gut: Es gibt ein Nutzungsprofil. Das bedeutet, dass sich das Unternehmen überlegt hat, welche Fahrten mit Lastenrad & Co. gemacht werden sollen und dass das Fahrzeug zur gedachten Nutzung passt – das Transportgut passt hinein, die Tourenlängen sind machbar und die Mitarbeitenden fahren gern damit.
- Nicht so gut: Es gibt kein Nutzungsprofil. Das bedeutet, dass sich das Unternehmen wenig Gedanken darüber gemacht hat
- a) welche Fahrten im Betrieb anfallen und welche sich davon für Lastenrad & Co. eignen
- b) wie hoch der Bedarf an Kofferraumvolumen ist
- c) folglich welche Fahrzeuge wirklich zum Bedarf passen
- d) ob die Mitarbeitenden mitziehen
- Ein Beispiel: Im Test gab es hochmotivierte Unternehmen mit hochmotivierten Beschäftigten, die Lastenräder bzw. LEV als Poolfahrzeug zur freiwilligen Nutzung ausprobieren wollten, in der Hoffnung, dass sich die Mitarbeitenden selbst Nutzungsprofile überlegen und ihr aktuelles Mobilitätsverhalten ändern. Die Erfahrung lehrt: Das funktioniert sehr selten. Was jedoch insbesondere bei großen Unternehmen funktioniert: Im laufenden Betrieb nach Nutzungsmöglichkeiten suchen, unter Einbeziehung der Mitarbeitenden – denn es gibt a) sehr viele mögliche Nutzungen, die man in der Firmenzentrale im Detail nicht alle kennt, und b) es gibt viele Mitarbeitende, von denen einige vielleicht spannende Nutzungsideen haben.
Was tun ohne Nutzungsprofil?
Die gute Nachricht: Bei Ich entlaste Städte 2 konnten wir beobachten, dass Nutzungsprofile geschaffen bzw. geändert werden können.
„Wir haben noch kein Nutzungsprofil.“
Überlegen Sie sich, welche Fahrten Sie aktuell haben und welche sich davon eins zu eins für Lastenrad bzw. LEV eignen. Tagesfahrleistungen bis 35 km sind per Lastenrad möglich; weniger ist besser, mehr ist machbar. Per LEV sind meist bis 80 km möglich. Das Transportgut muss in den Kofferraum passen. Besprechen Sie die Nutzung mit den Mitarbeitenden, die mit Fahrzeug fahren sollen. Bei Probefahrten zeigt sich dann, ob Nutzungsidee und Fahrzeug zusammenpassen.
„Wir haben kein Lastenrad-taugliches Nutzungsprofil.“
Prüfen Sie, wie sich Fahrten so umstrukturieren lassen, dass Fahrten mit großem Transportbedarf entstehen – diese bündeln Sie dann bei Ihrer Transporterflotte – und dass so Fahrten mit geringem Transportbedarf entstehen.
Ein Beispiel ist F&G Fernmeldemontagen: Das Aufstellen der Baustellenschilder wurde bislang von den Tiefbau-Teams mit Transporterflotte miterledigt, was Zeit kostete. Die Aufgabe wurde herausgelöst und auf einen Minijobber mit Lastenrad und Anhänger umgelagert. Hier passt das Nutzungsprofil.
„Wir wollen ein ganz neues Nutzungsprofil bzw. Geschäftsmodell entwickeln.“
Speziell Lastenräder eignen sich für Service-Innovationen: Man kann mit ihnen bis vor die Tür des Kunden fahren, was bspw. mit Pkw und Lkw gerade in der Stadt nicht immer geht. Berlin Recycling entwickelte einen Wertstoff-Abholservice per Lastenrad, als Ergänzung zum bestehenden Service per Lkw. Mit dem Lastenrad ist der Service günstiger anbietbar, da die Betriebskosten niedrig sind und der Zeitverlust im Stadtverkehr minimal ist – und bei vielen Stopps mit vermiedener Parkplatzsuche und weniger Fußwegen gibt es sogar einen Zeitgewinn.
„Unser Nutzungsprofil funktioniert in der Praxis nicht.“
Solche Fälle gibt es, bspw. im Test bei 3B und den Stadtwerken München. Die Lösung: Werden Sie kreativ. Fragen Sie im Unternehmen, wer Nutzungsideen für Ihre neu beschafften Fahrzeuge hat. Probieren Sie dann diese Ideen aus. Die neuen Einsatzzwecke können sogar besser sein als ursprünglich erwartet; 3B konnte dank Lastenrädern die Beschaffung von 3 Pkw vermeiden, und bei den Stadtwerken München amortisierte sich das Lastenrad nach einem Jahr.
Wenn auch diese neuen Ideen nicht funktionieren, kann es manchmal an der Fahrzeugwahl und am Team liegen. Ein Wechsel des Fahrzeugmodells, wie bei 3B, oder Wechsel im Team können viel bringen.