Die größten Erfolgsfaktoren

Credits: DLR / Amac Garbe

42 intensiv begleitete Unternehmen, 47 Lastenräder, Anhänger und Leichtelektrofahrzeuge in der Testflotte, rund 100.000 gefahrene Kilometer und zwei zentrale Fragen:

Woran liegt es, wenn alternative Fahrzeuge in Unternehmen ein voller Erfolg sind – oder auch nicht?

Und:

Was können Unternehmen daraus lernen, um selbst erfolgreich zu sein?

Zuerst müssen wir definieren, was Erfolg ist. Unser Maßstab für Erfolg ist streng: Es geht um Verstetigung.

Das heißt, dass erfolgreiche Unternehmen Lastenrad & Co. nicht nur während des Tests gut fanden, sondern nach dem Test die getesteten oder vergleichbare Lastenräder bzw LEV kauften, um sie weiter zu nutzen und in die betriebliche Flotte zu integrieren.

Die wichtigsten Wirkfaktoren für die Verstetigung

Die entscheidenden Wirkfaktoren

Wir haben alle teilnehmenden Unternehmen in eine Matrix aus Wirkfaktoren in fünf Gruppen eingeordnet, um darin Gemeinsamkeiten und Muster zu entdecken. Diese Daten haben wir für zwei Gruppen ausgewertet: Verstetiger und Nicht-Verstetiger.

Und in der Tat: Es gibt interessante Auffälligkeiten, aus denen an Lastenrad & Co. interessierte Unternehmen viel lernen können.

Das haben Verstetiger gemeinsam

  • Diese Unternehmen verfolgen eine Strategie: Sie wollen alternative Mobilitätsformen aktiv ausprobieren und damit erfolgreich sein. Das bedeutet auch, dass die Führungsebene stark involviert ist und Rückhalt gibt.
  • Es gibt gute Einsatzszenarien: Das Unternehmen kennt seinen Transport- und Mobilitätsbedarf und hat sich überlegt, welche Fahrten oder Einsätze mit Lastenrad & Co. bewältigt werden sollen.
  • Hohe Akzeptanz der Mitarbeitenden: Wenn die Mitarbeitenden früh einbezogen werden und evtl. sogar bei der Fahrzeugauswahl mitbestimmen können – und dann auch Begeisterung entwickeln – werden die Fahrzeuge auch langfristig gern und häufig genutzt.

Das empfanden die Verstiger als störend, aber nicht als Hemmnis

  • Ungenügende Fahrzeugkomponenten: Anspruchsvolle Unternehmen erwarten, dass Lastenrad & Co. gut funktionieren. Technische Probleme senken die Akzeptanz. Die Lösung: Wenn möglich vorab testen, robuste Fahrzeuge anschaffen und Wartungs- und Servicepartner mitdenken.
  • Anschaffungskosten: Wer die Kaufpreise von Lastenrädern mit normalen Fahrrädern vergleicht, findet sie hoch. Wer die Preise mit (Klein-)Transportern vergleicht, findet sie niedrig. Deshalb gilt: In der Vollkosten- sowie Kosten-Nutzen-Betrachtung sind Lastenräder – vor allem als Ersatz für Pkw und Transporter – oftmals sehr attraktiv. Sie können in passenden Einsatzszenarien drei- bis vierstellige Euro-Beträge im Jahr einsparen. Eine erste Einschätzung können Sie in unserem ROI-Tool berechnen.

Das haben Nicht-Verstetiger gemeinsam

Was wir von denen lernen können, die sich gegen den Einsatz von Lastenrädern nach dem Test entschieden haben.

  • Interesse an Image und Umweltzielen genügt nicht: Begeisterung für Nachhaltigkeit im Unternehmen ist gut, aber kein Garant für eine langfristige Begeisterung für Lastenräder. Der Grund dafür ist oft, dass die dafür nötigen Veränderungen unterschätzt werden bzw. nicht alle Ebenen im Unternehmen eingebunden wurden. Erkenntnis: Veränderung braucht einen größer angelegten und vorbereiteten Change-Prozess.
  • Eine gute strategische Intention genügt nicht: Wenn das Unternehmen eine gute Strategie hat, bspw. den Aufbau eines neuen auf Lastenrädern basierendem Geschäftsmodell, ist das als Grundlage zwar sehr gut – aber ebenfalls keine Garantie für Erfolg. Denn auch hier gilt, dass eine Fuhrparktransformation ein reales Projekt ist, das konzipiert, umgesetzt und begleitet werden muss. Erkenntnis: Nach der Strategie kommt die herausfordernde Umsetzungsphase.
  • Hemmnis: Akzeptanz der Mitarbeitenden. Wenn sich Teams weigern, mit Lastenrädern zu fahren, dann werden sie weniger genutzt. Die Gründe dafür sind manchmal banal und gleichzeitig komplex: Die Fahreigenschaften der Modelle und die Fahrgefühlerwartungen von Menschen unterscheiden sehr stark, und hinzu kommt noch die Verkehrssituation vor Ort. Erkenntnis: Mitarbeitende früh einbinden und an die Fahrzeuge heranführen muss sein.
  • Hemmnis: Fehlende Einsatzszenarien. Ohne konkrete Einsatzideen oder -profile kann es passieren, dass die Fahrzeuge verstauben. Erkenntnis: Schaffen Sie Einsatzprofile, oder suchen Sie im Unternehmen laufend nach Ideen.
  • Hemmnis: Fahrzeugeignung. Reichweite, Zuladung, Volumen, Fahrgefühl und mehr müssen zum Einsatzprofil passen. Wenn der „Kofferraum“ für die Hälfte der Fahrten zu klein ist, ergibt das Fahrzeug keinen Sinn – oder die Fracht muss angepasst werden. Probefahrten im Berufsalltag sind extrem sinnvoll. Erkenntnis: Vor dem Kauf genau prüfen, welche Gegenstände bei welchen Fahrten mitgenommen werden müssen.  

Wir sehen aus den Daten, dass Verstetiger sich somit nicht von bspw. schlechten Fahrzeugkomponenten oder hohen Anschaffungskosten an der langfristigen Nutzung und Verstetigung von Lastenrädern & Co. haben hindern lassen. Gleichzeitig konnten sich die Abkehrer nicht von weichen Faktoren wie Umweltzielen oder einer strategischen Ausrichtung der Führungsebene zur Nutzung überzeugen lassen.

Alle Wirkfaktoren im Überblick

Wirkfaktoren in 5 Gruppen

Insgesamt haben wir 20 Wirkfaktoren in 5 Gruppen definiert, erhoben und ausgewertet, wovon 13 statistisch signifikant sind – für die Bewertung der Verstetigung.

Das bedeutet: Fuhrparkumstellungsprojekte sind komplex, da viele kleine und große Faktoren den langfristigen Erfolg beeinflussen.

Diese Liste der Wirkfaktoren können Sie auf Ihre geplante Fuhrparkveränderung anwenden, indem Sie über jeden Punkt nachdenken.

Beispiele: 

  • O1, Akzeptanz der Mitarbeitenden: Wie gut werden die Mitarbeitenden mitziehen? Wie kann ich die Menschen mitnehmen?
  • F2, Eignung der Fahrzeuge: Wie gut wurde vor der Einflottung geprüft, ob sich die Fahrzeuge im Alltag bewähren?
  • BI1, Strategische Intention: Welchen Plan gibt es, und welche Ziele sollen erreicht werden?
  • IN4, Einsatzszenarien: Wurden Nutzungsmuster definiert bzw. entwickelt? Wie lang sind die Strecken zum Kunden, wie viele Termine habe ich am Tag?
  • E4, Witterung: Werden die Mitarbeitenden aufgrund der Vorteile auch bei Regen gern mit dem Lastenrad fahren? Ist ein Fahrrad mit Dach sinnvoll? Ist regenfeste Dienstkleidung eine Option? Gibt es Mitarbeitende, die „wetterfest“ sind?

Die gute Nachricht: Wenn die wichtigsten Wirkfaktoren passen, ist ein Einflottungserfolg sehr wahrscheinlich.

Bedeutung der Wirkfaktoren für verschiedene Untergruppen

Einfluss der Wirkfaktoren auf die Verstetigung

Die Wirkfaktoren haben teils unterschiedliche hohe Bedeutung für verschiedene Subgruppen wie Branche, Nutzungsmuster, Fahrzeugklasse, Raumtyp, u.v.m.               :

  • Die Akzeptanz der Mitarbeitenden ist in der Logistik-Branche meist einfacher erreichbar. Bei Handwerk- und Dienstleistungsbetrieben, speziell bei Nutzungsprofilen „nach Bedarf“ (statt fester Touren), ist die Herausforderungen, dass sich Mitarbeitende immer wieder neu für die Nutzung entscheiden müssen.
  • An die Fahrzeugeignung, speziell die Robustheit, haben Logistik-Unternehmen meist die höchsten Ansprüche. Wenn die Fahrzeuge nicht robust genug sind, erschwert das den Erfolg im Alltag. Die Nutzung in Handwerk und Dienstleistung ist meist weniger extrem als in der Logistik, was die Fahrzeugauswahl erleichtert.
  • Die betriebliche Implementierung gelingt in der Logistikbranche meist schnell und einfach. Bei längeren Entscheidungswegen, wie in öffentlichen Organisationen kann es, basierend auf Projekterfahrungen, schwierig werden.
  • Einsatzszenarien in Städten eignen sich meist sehr gut, bei Überland-Strecken wirkt sich bspw. fehlende Radweginfrastruktur negativ auf die Verstetigung aus.
  • Wenn Unternehmen Kunden im urbanen Raum haben und es deswegen einige mögliche Fahrtenprofile gibt, ist das sehr positiv.
  • Schlechtes Wetter stört vor allem Fahrende, die wenig mit dem Lastenrad unterwegs sind. Hingegen sind Rad-Fans und Vielfahrer wesentlich toleranter gegenüber Kälte und Nässe: Wer die Vorteile im Alltag schätzt, lässt sich nicht von Regen aufhalten.

Herausforderungen für Ihre Branche

  • Handwerk: Ein guter Plan und eine motivierte Führungsebene sollten die Basis sein. Achten Sie darauf, die Mitarbeitenden früh einzubinden und intensiv nach geeigneten Einsatzszenarien zu suchen. Nicht gut funktioniert „Wir werden schon eine Nutzung finden, wenn das Lastenrad erstmal auf dem Hof steht.“
  • Logistik: Die Treiber Image und Umweltziele sind in der Logistik meist stark vorhanden und auch eine sehr gute Grundlage. Sehr positiv wirkt es sich aus, wenn es einen „Kümmerer“ gibt, also eine Person, die die Lastenrad-Einflottung operativ managt und Rückhalt von der Führungsebene hat. Problematisch ist es, wenn Fahrzeuge nicht robust genug sind und wenn es in der Nähe keinen fitten Servicebetrieb gibt.
  • Dienstleistung: Wichtig ist die strategische Intention, also eine positive Kosten-Nutzen-Einschätzung für den Lastenradeinsatz – wie bspw. die Führerscheinfreiheit oder Einsatzprofile in staubelasteten Städten. Wenn diese Strategie von der Führungsebene getragen wird, kommen Sie dem Erfolg ein gutes Stück näher. Beim Umstieg von Transporter oder Pkw auf Lastenräder ändert sich die Bedienung, und auch der Komfort. Das sollte mit den Mitarbeitenden getestet werden. Selbst Kleinigkeiten spielen eine Rolle, wie das Vorhandensein oder Fehlen einer intuitiven Öffnungs- und Verschlussfunktion eines Kofferaufbaus.
  • Öffentliche Organisationen: Es gibt in öffentlichen Organisationen viele gute Beispiele für erfolgreiche Lastenrad-Einflottungen. Der Einführungsaufwand kann allerdings höher sein als in anderen Branchen. Sehr wichtig ist die Rolle eines „Kümmerers“. Diese Person kann als Querschnittsfunktion unter anderem Einsatzszenarien definieren bzw. entwickeln, Dienststellen ansprechen, mit den möglichen Fahrenden kommunizieren, die Wahl der Fahrzeuge bzw. die Beschaffung mitgestalten, sich um Service und Wartung kümmern und bei Problemen mit dem Einsatzprofil nach Alternativen suchen.

Besonders wichtig: der Faktor Mensch

Die Auswertung der gesammelten Daten zeigt außerdem, dass der wichtigste Faktor nicht Technik oder Geld ist, sondern der Mensch.

Menschen treffen die Entscheidungen in Unternehmen, Menschen treiben Projekte voran und Menschen fahren mit Fahrzeugen.

Deswegen ist eine Flotten-Umstellung zuerst ein Transformationsprojekt, bei dem drei Ebenen im Unternehmen an einem Strang ziehen müssen.

1. Überzeugte Führungsebene

Die Führungsebene schafft die Grundlagen für die Verstetigung.

Sie definiert Ziele bzw. KPIs wie Klimaschutz und Wirtschaftlichkeit bzw. ROI, trifft strategische Entscheidungen, erteilt Weisungen, gibt Budgets frei und hält dem Team den Rücken frei.

Wenn die Führungsebene das Ziel einer erfolgreichen Einflottung von Lastenrädern oder LEVs hat, wird sie die dafür notwendigen Entscheidungen treffen.

Wenn die Führungsebene allerdings desinteressiert ist, wird das Projekt mit hoher Wahrscheinlichkeit scheitern. Dieser Fall kann eintreten, wenn die Projektinitiative von den Fahrenden selbst oder aus einer mittleren Ebene kam.

2. Motivierte Mitarbeitende

Die Fahrzeug-Akzeptanz durch die Fahrenden bestimmt den operativen Erfolg.

Die Führungsebene hat die Aufgabe, Fahrende intern zu finden und zu begeistern bzw. extern zu suchen. Bei Nichtakzeptanz der Fahrzeuge sind Wechsel von Fahrenden oder sogar den Fahrzeugen sinnvoll. Teilnehmende Unternehmen haben teils erfolgreich Mitarbeitende für Lastenräder gesucht und in den Stellenanzeigen offen das Lastenradmodell kommuniziert.

Eine gute Ausgangsbasis ist es, wenn Mitarbeitende von sich aus Lastenräder oder LEV nutzen möchten oder eindeutige Vorteile klar kommuniziert werden. Das erhöht den dauerhaften Erfolg der Lastenradnutzung. Allerdings kann es sein, dass sich die Mitarbeitenden anschließend nicht mit den beschafften Fahrzeugen anfreunden. Eine umfangreiche Einweisung sowie vorab ausgiebige Probefahrten in realen Alltagsszenarien sind deshalb dringend empfehlenswert.

3. Engagiertes Projektmanagement

Die Einflottung von Lastenrad & Co. ist bei vielen Unternehmen ein Change-Prozess und nicht nur Flottenmanagement.

Die Rolle „Kümmerer“ ist sinnvoll und trägt zum Projekterfolg bei, als operative Leitung und Scharnierfunktion zwischen Führungsebene, Fahrenden und Fahrzeughändler bzw. Werkstatt und Servicepartner.

In kleinen Unternehmen kann diese Rolle auch von der Führungsebene oder von den Fahrenden übernommen. Problematisch ist es, wenn nur eine Person im Unternehmen das Lastenradprojekt initiiert, vorantreibt, verantwortet und sogar die einzige Person ist, die damit fährt. Wenn diese Person das Unternehmen verlässt, stoppt oftmals auch die Nutzung.

 

 

 

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