Die 14 wichtigsten Erkenntnisse

Lastenräder und Leichtelektromobile im Test: Longjohn-Modelle, Anhänger, Schwerlastenräder und Leichtelektromobile
Credits: DLR / Amac Garbe

Lastenräder und Leichtelektrofahrzeuge im Unternehmen erfolgreich einsetzen:
Die 14 wichtigsten Erkenntnisse aus Ich entlaste Städte 2.

Die Umstellung auf Lastenräder und leichte Elektrofahrzeuge (LEVs) im Unternehmensalltag ist mehr als nur der Kauf von Fahrzeugen – es ist ein umfassender Veränderungsprozess. Das Projekt Ich entlaste Städte 2 des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) hat wertvolle Erkenntnisse dazu gesammelt, wie der Prozess in Unternehmen gelingt, von der Idee über die Umsetzung bis zur Sicherstellung des langfristigen Erfolgs.

Die drei Erfolgsfaktoren für eine gelungene Flottenumstellung

Die erfolgreiche Integration von Lastenrädern und LEVs in Unternehmensflotten basiert auf drei Säulen:

  1. Menschen – Die gesamte Organisation muss einbezogen werden
  2. Betriebliche Integration – Von der Nutzung bis zur Wirtschaftlichkeit
  3. Fahrzeuge – Die Wahl der passenden Modelle

Sehen Sie sich die Präsentation an

Swipen Sie sich durch 19 Folien.

Erfolgsfaktor 1: Der Mensch steht im Mittelpunkt

Flottenumstellung als Change-Prozess verstehen

Mit Lastenrad bzw. LEV kaufen sich Unternehmen keine Technik, sondern Wandel. Drei Aspekte sind dabei entscheidend:

1. Weichen stellen
Wie bei allen Change-Prozessen ist Planung erforderlich. Lastenrad und LEV sind meistens kein 1:1-Ersatz für bestehende Fahrzeuge und erfordern daher Reorganisationen.

2. Leute mitnehmen
Von den ersten Planungen bis zur Fahrzeugauswahl sollte man im Unternehmen mit vielen Leuten sprechen – vor allem mit denen, die damit fahren sollen.

3. Projekt managen
Change ist ein Marathon. Am Ball bleiben, Erfolge monitoren, Nutzung und Team optimieren sind kontinuierliche Aufgaben.

Die drei größten Erfolgsfaktoren im Detail

1. Überzeugte Führungsebene

Die Führungsebene schafft die Grundlagen für den Projekterfolg:

  • Definiert Ziele bzw. KPIs wie Klimaschutz und Wirtschaftlichkeit/ROI
  • Trifft strategische Entscheidungen
  • Erteilt Weisungen
  • Gibt Budgets frei
  • Hält dem Team den Rücken frei

2. Motivierte Mitarbeitende

Die Fahrzeug-Akzeptanz durch die Fahrenden bestimmt den operativen Projekterfolg. Die Führungsebene hat die Aufgabe, Fahrende intern oder extern zu finden und zu begeistern. Bei Nicht-Akzeptanz der Fahrzeuge sind Wechsel von Fahrzeugen oder im Team sinnvoll.

3. Engagiertes Projektmanagement

Die Einflottung von Lastenrad & Co. ist bei vielen Unternehmen ein Change-Prozess und nicht nur Flottenmanagement. Die Rolle "Kümmerer" ist sinnvoll und trägt zum Projekterfolg bei, als Scharnierfunktion zwischen Führungsebene, Fahrenden und Fahrzeughändler bzw. Werkstatt.

Der Kern des Change-Prozesses: Das richtige Matching

1. Transportbedarf und Nutzungsprofil überlegen

  • Was soll transportiert werden?
  • Wie oft fallen Touren an?
  • Kann man bestehende Touren 1:1 auf Lastenrad bzw. LEV übertragen?
  • Können Nutzungsprofile geändert oder neu geschaffen werden?

2. Fahrzeugauswahl starten
Berücksichtigen Sie:

  • Anforderungen des Nutzungsprofils
  • Transportgut
  • Strecken
  • Einsatzszenarien
  • Verkehrsinfrastruktur
  • Lokale Händler für Beratung, Anschaffung und Service

3. Kaufentscheidung
Beratung und Probefahren sind essentiell!

Was begeistert Mitarbeitende?

Gesparte Zeit, gesparte Fußwege – Das sind die Hauptargumente:

  • Am Stau vorbei: Auf Rad- und Schleichwegen am Stau vorbei? Das begeistert speziell in Städten mit hoher Verkehrsbelastung und guter Radweginfrastruktur.
  • Weniger schleppen: Werkzeug, Material oder Pakete weniger weit schleppen? Das Lastenrad ist gleichzeitig Verkehrsmittel und Materialwagen, mit dem man auch an für Pkw gesperrte Einsatzorte fahren kann.

Praxisbeispiele:

  • Berliner Apotheker-Verein: Am Stau vorbei und ohne Parkplatzprobleme
  • EFRA: Werkzeug und Material direkt zum Einsatzort statt mehrfache Tragewege
  • GLS: Auslieferungen in für Fahrräder offenen Fußgängerzonen

Diese Vorteile werden für die Mitarbeitenden erst im Praxisbetrieb erfahrbar, können aber im Rahmen des Change-Projekts schon vorangekündigt werden.

Erfolgsfaktor 2: Betriebliche Integration

Welche Branchen profitieren von Lastenrädern und LEVs?

Die kurze Antwort: (Quasi) alle!

Erfolgsbeispiele fanden sich in allen Branchen:

  • KEP-Logistik und andere transportlogistische Anwendungsfelder
  • Erbringen von Arbeiten/Dienstleistungen vor Ort
  • Werkverkehr/Intralogistik
  • Tiefbau, Wärmedienstleister, Facility Management
  • Müllentsorgung, U-Bahn-Werkstatt, Logistiker u.v.m.

Wichtige Erkenntnis: Nicht die Branche ist entscheidend, sondern ein gut durchdachtes und passendes Nutzungsprofil!

Fünf vielversprechende Nutzungsmuster

1. KEP (Kurier-Express-Paket)

  • Routinisierte Nutzung
  • Sehr hohe tägliche Fahrleistung
  • Zahlreiche Stopps
  • Fahrzeug ist zentrales Arbeitsmittel standardisierter Logistikprozesse
  • Effizienz und Zuverlässigkeit sind sehr wichtig

2. Eigen-Logistik

  • Nutzung für den Transport selbst produzierter Güter oder Gütereinkauf
  • Fahrzeug dient Logistikzwecken
  • Nutzung ähnlich zu KEP, aber nicht zwingend an allen Wochentagen und weniger eng getaktet

3. Dienstleister I / Servicefahrten

  • Fachkraft fährt zu stets ähnlichen Aufträgen bzw. Terminen
  • Konstante Menge Material, Werkzeug o.ä. benötigt
  • Hohe tägliche Fahrleistung
  • Bei vielen Stopps und kurzer Aufenthaltsdauer wird die entfallende Parkplatzsuche zum großen Vorteil

4. Dienstleister II / Objektbetreuung

  • Fachkraft fährt zu wiederkehrenden Aufträgen bzw. Terminen an festen Orten
  • Längerer Aufenthalt vor Ort
  • Transportbedarf kann schwanken
  • Geringere tägliche Fahrleistung und Zahl der Stopps
  • Ähnlich: Werkverkehr

5. Bedarfsnutzung

  • Nutzung erfolgt häufig spontan
  • Verschiedene Mitarbeitende für Kundenberatungen, Aufmaß-Termine, Einkauf von Büromaterial oder kleine Reparaturen
  • Wöchentliche Fahrleistungen schwanken

Wie schnell gelingen Einflottungen?

Im besten Fall am ersten Tag – bei guter Planung!

Drei Faktoren müssen zusammenpassen:

  1. Einsatzzweck ist definiert: Wenn am ersten "Arbeitstag" Einsätze und Touren feststehen – durch 1:1-Ersatz von Fahrten mit anderen Fahrzeugen oder durch organisatorische Veränderungen.
  2. Fahrzeuge gut ausgewählt: Nach Bedarfsanalyse, Beratung und im Idealfall Probefahrten.
  3. Team ist motiviert und eingewiesen: Die Fahrenden sollten im Projekt involviert sein, gute Einweisung erfahren haben und aktiver Teil des Change-Prozesses sein. Bei Problemen sollte Support gewährleistet sein.

Sinnvolle Tagesfahrleistungen

Die Bandbreite ist groß – Beispiele aus der Praxis:

  • Facility Management: 4-8 km am Tag
  • KEP mit Mikrodepots: 15-18 km am Tag
  • Auslieferlogistik: Bis zu 60 km am Tag
  • Tiefbau: 35 km / 1x pro Woche

Wichtige Erkenntnis: Wichtig für den Erfolg ist der Nutzen für das Unternehmen. Dieser kann unabhängig von der Fahrleistung sein. Geringe Tagesfahrleistungen sind interessant, da der Zeitvorteil von Lastenrädern vs. Pkw bei kurzen Fahrten besonders hoch ist.

Unternehmen profitieren besonders stark bei:

  • Moderaten Tourenlängen
  • Stau- und Parkplatzproblemen
  • Vielen Stopps

Bei langen Strecken macht sich die regulatorische De-facto-Höchstgeschwindigkeit von 25 km/h stärker bemerkbar.

Rightsizing: Die richtigen Fahrzeuggrößen wählen

Viele Fahrten können mit kompakteren Fahrzeugen zurückgelegt werden, mit wenig Einbußen beim Transportangebot:

  • Long-John-Lastenrad hat die "Kofferraumkapazität" eines Kleinwagens (vs. Kleinwagen)
  • Schwerlastenrad bzw. Lastenrad mit Anhänger kann oft einen (Hochdach-)Kombi ersetzen
  • LEV kann oft einen (Klein-)Transporter ersetzen

Erkenntnis: "Rightsizing" ist oft möglich!

Wirtschaftlichkeit: Lohnen sich Lastenräder?

Drei typische Szenarien zeigen: Als Transporter-Ersatz sind sie sehr kostenattraktiv.

Beispiel Paketlogistik (Ausgangssituation: 27.500 € p.a. für 2 Konventionelle)

Szenario 1: Erweiterung der Flotte (2 Konventionelle + 1 Lastenrad)

  • +25% ohne Förderung
  • +13% mit Förderung

Szenario 2: Ersetzen eines Fahrzeugs (1 Konventionelles + 1 Lastenrad)

  • -4% ohne Förderung
  • -13% mit Förderung

Szenario 3: Verhinderung von Neuanschaffung (2 statt 3 Konventionelle + 1 Lastenrad)

  • -17% ohne Förderung
  • -25% mit Förderung

Beispiel Handwerk (Ausgangssituation: 11.200 € p.a. für 2 Konventionelle)

Szenario 1: Erweiterung

  • +20% ohne Förderung
  • +16% mit Förderung

Szenario 2: Ersatz

  • -15% ohne Förderung
  • -17% mit Förderung

Szenario 3: Verhinderung

  • -20% ohne Förderung
  • -23% mit Förderung

Was kostet ein Lastenrad wirklich?

Die Total Cost of Ownership (TCO) ist nicht so einfach zu berechnen:

Datengrundlage aus dem Projekt:

  • 110 erhobene Datenpunkte von Bestandsfahrzeugen
  • 147 App-basiert erhobene Wartungs- und Reparaturvorgänge von 44 Projektfahrzeugen
  • Parameter: Versicherung, Wartung & Reparatur, Energie, Art der Fahrzeugbeschaffung

Wartungs- und Reparaturkosten (Median pro Jahr):

  • Long-John: 245 € (bei 540 km Jahresfahrleistung)
  • Schwerlastenrad: 278 € (bei 1.100 km Jahresfahrleistung)
  • Logistik: 286 € (bei 1.600 km Jahresfahrleistung)
  • Nicht-Logistik: 240 € (bei 540 km Jahresfahrleistung)

Fazit: Wartungs- und Reparaturkosten pro Jahr bei Schwerlastenrädern höher. In der Logistik ist ebenfalls mit höheren Kosten zu rechnen. Insgesamt häufig zwischen 10-20 Cent/km.

Online-ROI-Rechner für erste Einschätzungen

Das Projekt hat einen Online-Rechner entwickelt, der eine erste Einschätzung zur Wirtschaftlichkeit ermöglicht. Eingabeparameter sind:

  • Termine pro Woche
  • Fahrtstrecke je Termin
  • Zeitverlust Parkplatz/Fußweg je Termin
  • Arbeitswochen pro Jahr
  • Verkehrssituation (normal/staulastig)
  • Stundenlohn und Marge
  • Betriebskosten von Lastenrad vs. Pkw / Transporter, inkl. Posten wie Finanzierung / Leasing / Abschreibung, Wartung, Versicherung, Steuern, Energiekosten

Der Rechner berechnet dann:

  • Jährlichen Kosteneffekt
  • ROI (Return on Investment, Kapitalrendite)
  • Zeitbilanz
  • CO₂-Ersparnis
  • Kostenvergleich Transporter vs. Lastenrad

Erfolgsfaktor 3: Die richtigen Fahrzeuge wählen

Ist "größer" automatisch "besser"?

Ja und Nein – es kommt auf den Einsatzzweck an:

Long-John: Handlichkeit überzeugt

  • In Städten mit schmalen Radwegen handlicher
  • Ideal: schmale Transportkiste und leichte Fracht
  • Aufbocken und an der Ampel halten sind sonst schwierig

Schwerlastenrad: Fahrstabilität und Raum überzeugen

  • Träger als Long-Johns
  • Benötigen kein Gleichgewichts-Talent
  • Praktisch bei großer und schwerer Fracht
  • Besonders bei vielen Touren mit vielen täglichen Stopps geeignet

LEV: Interessante Lösung für manche Szenarien

  • Kürzere, schmalere und wendigere Alternative zu größeren Fahrzeugen
  • Nicht als 1:1-Ersatz für große Transporter geeignet
  • Geringere Reichweiten
  • Lastenrad-Verweigerer können manchmal für LEVs begeistert werden (kein Automatismus)

Lastenräder UND LEVs gleichzeitig einflotten?

Das ist wenig erfolgversprechend!

Die Untersuchung ergab: Meistens nein, da sich Einsatzwecke überschneiden oder nicht gut ergänzen und die Komplexität hoch ist.

Drei Problemfelder:

  1. LEV-Reichweite zu klein: 80-120 km genügen oft nicht, um alle Aufgaben der großen Vans zu übernehmen. Für kürzere Strecken eignen sich Lastenräder genauso gut.
  2. Direkter Wettbewerb: Wenn Mitarbeitende LEV und Lastenräder angeboten bekommen, sind anschließend beim Team entweder LEV oder Lastenräder beliebter. Eine Fahrzeugkategorie bleibt dann unbeachtet.
  3. Kleine LEVs als 1:1-Alternative: Kleine LEVs sind teilweise direkte Alternative zu Lastenrädern.

Erkenntnis: Unternehmen sollten mit einem Fahrzeugtyp starten.

Die Phasen vor, während und nach der Einflottung

Alle drei Phasen sind wichtig:

Vor der Einflottung: Probefahren im Praxisalltag

Die Eignung eines Fahrzeugs ist auf dem Papier nur bedingt ermittelbar. Es gibt viele Einflussfaktoren, nicht zuletzt die individuelle Bewertung der für die Nutzung vorgesehenen Mitarbeitenden.

Wichtig: Probefahrten durch die später Nutzenden im realen Arbeitsalltag!

Während: Kleine Anpassungen am Fahrzeug

So vielfältig die Branchen, so ähnlich häufig der Transportbedarf: Kisten, Koffer und Schachteln. Einfache Anpassungen und Haltevorrichtungen (z.B. "Antirausfallbrett") reichen häufig aus. Gewerk-spezifische Aufbauten sind Nischenanwendung und schnell gemacht.

Nach der Einflottung: Gute Wartung ist extrem wichtig

Die Verfügbarkeit von Fahrzeug-Service und anderen After-Sales-Dienstleistungen sind entscheidend und bei der Auswahl des Fahrzeugs zu berücksichtigen.

Vorteil: Eigene Werkstatt!

Fazit: Die wichtigsten Erkenntnisse

  1. Der Mensch steht im Mittelpunkt: Die drei größten Erfolgsfaktoren sind der Mensch, der Mensch und der Mensch – überzeugte Führung, motivierte Mitarbeitende und engagiertes Projektmanagement.
  2. Nicht die Branche, sondern das Nutzungsprofil entscheidet: Erfolgsbeispiele finden sich in allen Branchen.
  3. Wirtschaftlichkeit ist gegeben: Besonders als Ersatz für Transporter sind Lastenräder und LEVs kostenattraktiv.
  4. Rightsizing ist möglich: Viele Fahrten können mit kompakteren Fahrzeugen zurückgelegt werden.
  5. Change-Prozess ernst nehmen: Die Flottenumstellung ist kein reines Beschaffungsprojekt, sondern ein umfassender Veränderungsprozess.
  6. Mit einem Fahrzeugtyp starten: Die gleichzeitige Einflottung von Lastenrädern und LEVs ist meist nicht empfehlenswert.
  7. Alle Phasen sind wichtig: Vor, während und nach der Einflottung gibt es kritische Erfolgsfaktoren.

 

2/3